Das Rangordnungskonzept

Das Rangordnungskonzept wird gerne dafür hergenommen, die sozialen Beziehungen innerhalb eines Rudels oder einer Gruppe zu beschreiben. Auch die Übertragung dieses Modells auf die Mensch-Hund-Beziehung ist in der Literatur nicht unbekannt, die daraus abgeleiteten Implikationen für die Ausbildung von Hunden sind noch heute bei vielen Trainern gängige Praxis, womit die Diskussion nicht nur von akademischem Interesse ist.

Die Probleme mit dem Konstrukt der Rangordnung beginnen schon damit, dass der Begriff in der Literatur nicht einheitlich gebraucht wird und auch unterschiedliche Ansätze zur Bestimmung der Rangordnung vorliegen, was dann auch Auswirkungen auf das Ergebnis hat.

Häufig wird unter dem Begriff Rangordnung eine lineare Rangordnung verstanden, mit dieser werden dann Begriffe wie Alphaposition, Dominanz, soziales Expansionsbestreben und aggressive Durchsetzung von Privilegien assoziiert. Erstmals beschrieben wurde eine lineare Rangordnung bei Hühnern, die sogenannte Hackordnung: A>B>C>D usw.

Ob dies so auf Wölfe und Hunde übertragen werden kann, ist fraglich. Die Ergebnisse der durchgeführten Studien scheinen zum einen stark von den Lebensbedingungen der Tiere (Freilandbeobachtungen vs. Beobachtungen an Tieren in Gefangenschaft), der Zusammensetzung der Gruppen („natürliches“ Rudel vs. von Menschen zusammengesetzte Gruppe) und der beobachteten Tierart (Wolf, ursprüngliche Hunde, Hunde) abzuhängen.

Nachfolgend seien einige Aspekte genannt:

  • Es ist zwischen einer statusbezogenen (d.h. nach der Definition von Eric Zimen fortpflanzungsbezogenen) Rangordnung und einer objektbezogenen Rangordnung zu unterscheiden. Letztere gibt keine Auskunft über eine allgemeingültige Dominanzbeziehung zwischen zwei Individuen, sondern besagt nur, wie wichtig dem jeweiligen Tier diese Resource im Moment ist.
  • Die Neigung gegen Rechteverletzungen zu protestieren ist bei Wölfen stärker ausgeprägt als bei Hunden. Protestieren ist in diesem Zusammenhang als „sich wehren“ zu verstehen.
  • Eine geschlechtsübergreifende Rangordnung wird nicht beschrieben.
  • Die Führung einer Gruppe auf Wanderungen ist auch aus einer Zentralposition heraus möglich.
  • Die Beanspruchung erhöhter Liegeplätze ist nicht zwangsläufig mit dem Rang eines Tieres korreliert.

Fazit:

Die sozialen Beziehungen sind sowohl bei Wölfen als auch bei unseren Haushunden zu komplex als dass sie sich in einer linearen Rangordnung abbilden ließen.

Der Umgang untereinander ist innerhalb der meisten Gruppen wahrscheinlich wesentlich freundlicher als bisher angenommen. Dies spielt insbesondere für die Befürworter einer stark auf aversiven Maßnahmen beruhenden Erziehung eine Rolle, die sich ja oftmals auf das natürliche Vorbild berufen. Dass diese Argumentation haltlos ist, wurde durch die Freilandbeobachtungen der letzten Jahre bewiesen. Die unterschiedlichen Befunde durch Beobachtungen an Tieren in Gefangenschaft sind vermutlich auf andere Faktoren, wie beispielsweise eine willkürliche Gruppenzusammensetzung, ein zu beengter, reizarmer Lebensraum, mangelnde Sozialisierung oder fehlende Früherfahrungen, zurückzuführen.

Ausblick:

Anstelle wie bisher in vielen Fällen bei Verhaltensauffälligkeiten des Hundes, insb. Ungehorsam, von einer nicht eindeutig zu Gunsten des Halters geklärten Rangordnung auszugehen, sollte man sich besser auf die Ursachen konzentrieren, hierzu ist vor allem abzuklären:

  • ob der Hund überhaupt gelernt haben kann, was von ihm erwartet wird, d.h. sind ihm die Spielregeln, nach denen das soziale Zusammenleben seiner Gruppe organisiert ist, bekannt
  • ob eine ausreichende Sozialisierung stattgefunden hat
  • welche inneren und äußeren Faktoren das Verhalten in diesem Moment steuern

Leidhold plädiert in seinem Artikel dafür, das gesamte Wissen aus dem Werkzeugkasten der Lerntheorie auszunützen als mit fragwürdigen Methoden Rangreduktion zu betreiben.

Literatur zum Thema:

Bloch, Günther: Die Pizza-Hunde, Franckh-Kosmos Verlag 2007;

Eaton, Barry: Dominanz – Tatsache oder fixe Idee?, Animal Learn Verlag;

Gansloßer, Dr. Udo: Verhaltensbiologie für Hundehalter, Franckh-Kosmos Verlag 2007;

Gansloßer, Dr. Udo: Säugetierverhalten, Filander Verlag, Fürth 1998;

Hallgren, Anders: Das Alphasyndrom, Animal Learn Verlag, Bernau 2006;

Leidhold, Joachim: Rangordnungskonzept, ATN Schülerzeitung 2007

O`Heare, James: Die Dominanztheorie bei Hunden – eine wissenschaftliche Betrachtung, Animal Learn Verlag, Bernau 2005;

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