Die Pizza-Hunde

Auch das neueste Buch von Günther Bloch ist ein Muss für jeden Hundemenschen.
In einem sehr nachdenklich stimmenden ersten Kapitel philosophiert Bloch über die Gesellschaft, in der wir leben, den zunehmenden Individualismus, unsere Entfremdung von der Natur, und beantwortet schließlich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen den philosophischen Abschweifungen und unseren Hunden mit: „Weil der Hund mittendrin sitzt im Dilemma, das wir „moderne“ Menschen angerichtet haben.“ (S.27)

Bloch wäre nicht Bloch, würde er nicht mit der ihm eigenen Deutlichkeit auch ein paar Seitenhiebe nach links und rechts durch die Hundeszene austeilen. Stets verwehrt er sich gegen so oft von „Profis“ verwendete Verallgemeinerungen wie, wann und warum „der“ Hund oder „der“ Wolf dieses und jenes tut.
Vielen sich hartnäckig haltenden Hypothesen setzt er nun Anekdoten und Daten aus seinen Beobachtungen gegenüber und widerlegt sie dadurch.
Beispiel:“ Dass Alttiere gegenüber rangniedrigen Individuen während gemeinsamer Ruhephasen oder beim Schlafen aus „Dominanzgründen“ generell auf der Einhaltungen einer Individualdistanz bestehen, um in Bezug auf ihre Ranghoheit keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, ist und bleibt ein Märchen.“(S.201) So liegen die „ (…) ranghohen Tiere Nerone und Eurecia fast immer im Kontakt in der Gruppenmitte.“ (S.149; n=48)

Auch plädiert Bloch für einen Tierschutz mit Herz und vor allem Verstand. So weist er beispielsweise darauf hin, dass nicht jedes Tier, dem geholfen wird, diese Hilfe auch nötig hat.

Die Ergebnisse seiner Beobachtungen an den verwilderten Haushunden in der Toskana stellt er in Themenkomplexen vor, wobei er immer wieder Parallelen zu seinen Feldstudien an Wölfen zieht und somit versucht Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Verhalten aufzuzeigen.

Trotz der hohen Informationsdichte liest sich das Buch nahezu wie Belletristik: Bloch beschreibt die Persönlichkeiten der einzelnen Individuen (zumindest der großen Gruppe) so lebendig, dass man glaubt, sie persönlich zu kennen. Und so fällt es dem Leser leicht, die vielen Szenen mitzuerleben und auch mitzufühlen.
Ohne an dieser Stelle näher auf die zum Teil überraschenden Befunde einzugehen, zeigen allein die Beobachtungen an diesen wenigen „Toskanahunden“, wie groß die Spannbreite des Verhaltens sein kann. Die Umweltbedingungen stecken hierbei den großen Rahmen ab, die Varianz erklärt sich aber außerdem durch das Alter, damit in gewissem Zusammenhang stehend den sozialen Status, die Persönlichkeit, die momentane Situation, die allgemeine Stimmungslage der noch in der betreffenden Situation involvierten Tiere und mit Sicherheit noch anderen Variablen.

Ergänzt wird jedes Kaüitel durch Tipps für Hundehalter. Auch nimmt Bloch zu neueren Entwicklungen in der „Hundewelt“ Stellung, und versucht sie aus biologischer Sicht einzuordnen. Stellvertretend möchte ich ein in meinen Augen besonders gelungenes Statement aufgreifen: bestimmte Jagdhunderassen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, ohne dass sich so mancher Halter in der Lage sieht, seinen jagdlich ambitionierten Hund auch zu kontrollieren.

Bloch, Günther: Die Pizza-Hunde; Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2007;

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