Die Kunst des richtigen Maßes

Jeder, der mit einem Hundesenior lebt, weiß das: es gibt gute, weniger gute und schlechte Tage. Die Tagesform entscheidet in erster Linie über die Bewegungsfreudigkeit und die Motivierbarkeit an diesem Tag. Dies ist in meinen Augen unbedingt zu respektieren.

Grundsätzlich ist es eine Gradwanderung, das richtige Maß an Bewegung für seinen alten Hund zu finden.

Auf der einen Seite hängt soviel Lebensqualität eines Hundes von den täglichen Spaziergängen ab, auf der anderen Seite hat man vielleicht Angst, seinen Hund zu überfordern oder bestehende Probleme noch zu verstärken. Dennoch macht es keinen Sinn, oder ist im Gegenteil kontraproduktiv, wenn man seinen Hund übermäßig schont. Die goldene Regel: „Bewegung ja, Belastung nein“ ist  ein guter Anhaltspunkt.

Zum Beispiel wäre für einen Hund mit Gelenks- oder Rückenproblemen ein Springen nach der Leine und anschließendem Zerrspiel, was das Lieblingsspiel meiner Maus war, absolutes Gift. Auch wenn die Hunde sehr lange bereit sind, momentane, leichtere oder mittelgradige Schmerzen zu ignorieren um ihr geliebtes Spiel zu spielen, tut man ihnen letztlich keinen Gefallen, denn die „Rechnung“ kommt. Die Überbelastung rächt sich meist zeitverzögert. Hunde leben (beneidenswerterweise?) im Hier und Jetzt, sie können gar nicht abwägen, dass sie für die paar Minuten Freude, überspitzt formuliert, noch zwei Tage später Schmerzen beim Aufstehen und Laufen haben werden.

Gleichmäßige Bewegung hilft, die Kondition, die Muskeln und auch die Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten. Man muss sich aber unbedingt ins Bewußtsein rufen, dass der Hund seinem Menschen folgen wird, solange er es irgendwie schafft. Die daraus resultierenden Gefahren liegen auf der Hand: entweder rennt der Hund, bis er umfällt, oder er bleibt deutlich gestresst zurück, schaut weder links noch rechts und man kann ihm ansehen, dass er keinen Spaß am Spaziergang hat. Man hat das richtige Tempo getroffen, wenn der Hund gut mithalten kann, ohne übermäßig zu hecheln, den Kopf unter die Rückenlinie abzusenken oder die Ohren zurückzulegen, und wenn der Hund noch Interesse an seiner Umgebung zeigt.

Alte Hunde wollen nicht unbedingt, weniger oder kürzer Gassi gehen. Sie wollen anders Gassigehen. Interessante Strecken, an denen es viel zu schnüffeln gibt, nicht jeden Tag dreimal die gleiche Runde um den Block. Wer meint, einem Hund wäre es doch egal, wo er langläuft, sollte sich einmal die Mühe machen, und unterschiedliche Wege ausprobieren. Wenn man seinen Hund genau beobachtet, die Ohrstellung, die Stellung oder Bewegung der Rute, die gesamte Körperhaltung und wie er an spannenden Orten sich nur im Zickzack mit der Nase am Boden fortbewegt,kann man gar nicht anders als zu dem Schluss zu kommen: dem Hund gefällt es hier.
Die Dauer des Spazierganges ist ebenfalls sehr variabel. An guten Tagen wird ein Hund mit Sicherheit fast soviel Zeit draußen verbringen wollen, wie in jüngeren Jahren. Er möchte aber nicht unbedingt die ganze Zeit laufen. Er möchte vielleicht in aller Ruhe jeden Grashalm beschnuppert, an einer Pfütze eine längere Pause machen oder einfach irgendwo stehen bleiben und in die Landschaft schauen. Und die Zeit sollten wir unseren Lieben schenken. Denn dies sind die Highlights ihres Hundetages.

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