Diagnose: Dominanz

… und kein Ende in Sicht.

Dass sich manche „Weisheiten“ lange halten, ist ja aus vielen Bereichen bekannt. Dies trifft umso mehr zu, wenn sie einem menschlichen Bedürfnis nach möglichst einfachen Erklärungsansätzen gerecht wird. Leider sind sie meist nur bedingt geeignet, die Wirklichkeit in adäquater Weise abzubilden, was ihrer Beliebtheit aber keinen Abbruch tut.

Ein solches Beispiel ist die Dominanztheorie. Wahlweise kann man dieses Phänomen auch mit einer nicht eindeutig zu Gunsten des Besitzers geklärten Rangordnung oder fehlender Alphaposition des Besitzers umschreiben.
So gibt es kaum einen Halter eines sogenannten „Problemhundes“ (die Anführungszeichen deshalb, weil auch dieser Begriff besser mit Vorsicht zu genießen ist), der nicht schon mal von einem anderen Hundehalter darauf angesprochen worden wäre, ob hier „wohl der Hund der Chef sei“.  Wobei es keine Rolle spielt, ob es sich um Aggression gegenüber Menschen, „Pöbeln“ an der Leine oder einfach nur dem nicht zuverlässigen Befolgen des Rückrufs geht. Selbst vor Angststörungen wird nicht zurück geschreckt, obgleich schon das Gegenüberstellen der Begrifflichkeiten diese Erklärung ad absurdum führt.
In der Natur der Sache von einfachen Erklärungen liegt auch, dass meist einfache Lösungsansätze propagiert werden. In diesem Fall muss dann eben die Besitzerdominanz gestärkt, respektive die Rangordnung geklärt werden, d.h. „dem Hund muss einfach mal gezeigt werden, wer der Herr ist“, und im Zuge dessen verschwinden – wenn auch nicht alle- so aber zumindest die meisten Probleme.

Die Folgen für Hund und Halter sind nicht trivial. Inwieweit nachfolgende Aufzählung auf einen konkreten Einzelfall zutrifft, hängt u.a. von der Art und Ausprägung des Problemverhaltens, den ergriffenen Maßnahmen und natürlich der Persönlichkeitsstruktur von Hund und Halter ab.
Die Konsequenzen für den Halter können Schuldgefühle oder ein vermindertes Selbstwertgefühl sein, weil er sich gegenüber dem Hund als schlechte Führungspersönlichkeit erwiesen hat, was dann  die Bereitschaft erhöhen kann, auch stark aversive Maßnahmen einzusetzen mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Mensch-Hund-Beziehung. Ebenfalls kann die Beziehung darunter leiden, dass dem Hund, in menschlichen Maßstäben gemessen, eine  Motivation unterstellt wird, die auf die Durchsetzung eigener Interessen zur Schwächung der Besitzerposition abzielt. Dazu kommt, dass manche Maßnahmen zu Verbesserung der Besitzerdominanz, unter Umständen nicht nur nichts zur Lösung des Problems beitragen, sondern kontraproduktiv sind.
All dies trägt zu einer Verschlechterung der Lebenssituation des Hundes bei.

Aber nicht nur unter Laien treibt die Dominanztheorie noch ihr Unwesen, auch bei einigen Fachleuten scheint sie noch überaus beliebt zu sein, was für mich persönlich die eigentliche Katastrophe darstellt. Unsinn, wissenschaftlich verpackt.

Nicht verschweigen möchte ich dennoch, dass manche Empfehlungen durchaus zielführend sind und ihre Berechtigung haben. Aber ob ihre Wirksamkeit wirklich daraus resultiert, dass nun eine Rangordnung geklärt ist, oder ob einfach der Hund gelernt hat, was in bestimmten Situationen von ihm erwartet wird? Letzteres halte ich zumindest für sehr wahrscheinlich. Ich würde mir wünschen, dass die Verhaltensberatung zukünftig ohne Begriffe der sozialen Ordnung für die Diagnose und Therapie auskommt. Von fachlichen Aspekten einmal abgesehen, ist durch übermäßige Härte im Umgang mit Hunden und falschen Vorstellungen von dem Sozialsystem und daraus abgeleitet den zugrundeliegenden Motivationen für bestimmte Verhaltensweisen, viel Leid verursacht worden.

Dieser Beitrag wurde unter Verhalten Hunde veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *