Die erste Begegnung: Neugeborenes und Hund

Wie stelle ich unserem Hund unser Baby vor? Vor dieser Frage stehen alle werdenden Eltern, egal ob nach einer ambulanten oder einer stationären Entbindung.

Die Verunsicherung und die Aufregung sind oft groß, denn auch in die Elternrolle und die damit einhergehende Verantwortung muss man ersteinmal hineinwachsen. Darüber hinaus setzen sich viele selbst unter Druck in dem Anspruch, alles richtig machen zu wollen und den Grundstein für ein harmonisches Aufwachsen ihres Kindes mit dem Hund zu legen. Dieser Wunsch ist natürlich sehr berechtigt, wertet aber diese erste Begegnung unangemessen auf.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Sorge um das gesundheitliche Wohlergehen des Babys. Schreckensmeldungen aus den Nachrichten hat wohl jeder noch im Kopf, in denen über ernsthafte Verletzungen oder sogar die Tötung eines Babys oder Kleinkindes durch einen Hund berichtet wird. Aber auch die vielen gutgemeinten Ratschläge zur Hygiene spuken noch irgendwo im Kopf herum: ein Hund könne ja soviele Krankheiten übertragen. Gerade hierzu möchte ich nur ein Zitat anführen: dies kann unsere eigene Art auch!

Oft hört oder liest man, dass sich ja die Alphawölfin mit ihrem Nachwuchs vom Rudel zurückzöge, und wir Menschen als Rudelführer deshalb auch unserem Familienhund in der ersten Zeit keine Kontaktaufnahme zum Neugeborenen ermöglichen dürften.

Von begrifflichen Unsauberkeiten mal abgesehen, hat dieser Gedankengang noch einen weiteren Haken: biologisch hat es seinen Sinn, dass sich die Wölfin mit ihren  Welpen nicht mitten im Rudelzentrum aufhält.  Dieses Verhalten einfach kopieren zu wollen, macht keinen Sinn. Denn die künstliche Barriere, die dadurch geschaffen würde, trägt nur dazu bei, dass der Hund zu der ganz normalen Umstellung, die ein Baby mit sich bringt, auch noch damit umgehen muss, dass er sich in Anwesenheit des Babys seinen Menschen nicht mehr nähern darf oder von vorneherein isoliert wird. Dies wird vom Hund nicht etwa instinktiv als „Dominanzgeste des Menschen“ verstanden und akzeptiert, vielmehr verunsichert es den Hund und trägt dazu bei, dass der Hund lernt, das Baby als Auslöser für unangenehme Konsequenzen zu erkennen: sobald Frauchen das B aby auf dem Arm hat, werde ich weggesperrt.
Nochmal – weil es so wichtig ist: Die Verknüpfung Baby = Soziale Isolation für den Hund gilt es unter allen Umständen zu vermeiden.
Es entstehen keine Probleme, weil man den Hund zu früh das Baby begrüßen lässt.

Wie sollte die erste Begegnung denn nun aussehen?

Auf jeden Fall entspannt. Die junge Mama darf natürlich zuerst einmal ausgiebig den Hund begrüßen oder das Baby versorgen oder sich selbst einen Tee machen und zu Hause ankommen.

Die Mutter sollte das Baby sicher im Arm haben und dann in aller Ruhe den Hund am Baby schnüffeln lassen. Durch den intensiven Kontakt von Mutter und Kind hat das Kind bereits den Familiengeruch an sich. Manche Eltern gehen auch auf Nummer sicher und bringen dem Hund etwas mit Babygeruch schon vor der Ankunft von Mutter und Kind nach Hause mit, aber in meinen Augen weiß der Hund, dass dieser neue Erdenbürger zur Familie gehört.

Ob man dem Hund erlauben möchte, kurz über Händchen oder Hinterkopf zu lecken, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wird die Stelle danach gleich abgewaschen, spricht zumindest aus gesundheitlichen Aspekten nichts dagegen.

Sollte sich ihr Hund schon vorher durch ein unvermittelt ausbrechendes Babygeschrei erschreckt haben, erzwingen Sie nichts. Bei manchen sensiblen Hundepersönlichkeiten hat so ein Schreckerlebnis nachhaltige Wirkung und überwiegt die Neugier. Am Besten kommentieren Sie das Weinen einfach mit einem Satz (z.B. „ganz schön laut, was?“) und kümmern Sie sich dann in aller Ruhe um Ihr Kind. Je mehr Ruhe Sie ausstrahlen, desto mehr Sicherheit bekommt Ihr Hund dadurch.
Bei den nächsten Annäherungsversuchen gehen Sie mit dem Baby auf dem Arm in die Hocke, sprechen Sie Ihren Hund freundlich an und locken Sie ihn zu sich. Dies gibt ihm die Möglichkeit, Tempo und Distanz selbst zu bestimmen. Wenn er sich beim ersten Mal nur bis auf einen Meter herantraut ist dies völlig in Ordnung. Es gibt keinen Zeitdruck. Nach ein paar Tagen wird er gelernt haben, dass Babygeschrei zwar beängstigend laut sein kann, aber im Grunde keine Gefahr für ihn darstellt.

Eigentlich doch völlig unspektakulär, oder? Und beim nächsten Kind wird die Situation noch entspannter ablaufen, denn weder für den Hund, noch für die Eltern ist dies eine neue Situation. Bei meiner Hündin hatte ich das Gefühl, als würde sie sich nur noch denken: „aha, noch so einer…“

Dieser Beitrag wurde unter Verhalten Hunde veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.