Positive Verstärkung von Angstverhalten?

Einen ängstlichen Hund zu haben, ist nicht leicht – egal ob der Hund panisch vor einer herumfliegenden Plastiktüte davonstürmt, zitternd wie Espenlaub im Fahrstuhl steht oder in einer großen Menschenmenge zur Salzsäule erstarrt, seine Umwelt komplett ausblendet und nicht mehr zu erreichen ist. Schnell stößt man auf den Ratschlag, seinen Hund keinesfalls in einer solchen Situation zu trösten oder zu beachten, denn dies würde die Angst nur noch verstärken, denn der Hund würde es als Belohnung empfinden und so lernen, dass „Angst haben“ erwünschtes Verhalten ist… ist das wirklich so?

Durch positive Verstärkung wird mittels operanter Konditionierung die Auftrittswahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens erhöht, da diese Verhaltensweise für das Tier mit angenehmen Konsequenzen verbunden ist. Als Belohnung (Verstärker) kommt dabei alles in Frage, was von dem Tier individuell als angenehm empfunden wird: Futter, Spiel, Aufmerksamkeit und anderes.

Funktioniert dies nun aber auch bei Angstverhalten? Oder anders formuliert: wird sich die Angst des Tieres verstärken, wenn der Mensch Körperkontakt zulässt, Futter gibt, o.ä.? Auf rein operanter Ebene wäre dies zumindest anzunehmen.

Daneben passiert aber noch etwas anderes: nehmen wir an, Sie geben ihrem Hund, der sich vor großen schwarzen Hunden fürchtet, ein Leckerli, sobald Sie einen solchen Hund sehen und zwar unabhängig davon, was ihr Hund gerade tut. Unter der Voraussetzung, dass ihr Hund in dieser Situation überhaupt noch Futter annehmen kann, passiert bei einer hinreichend häufigen Wiederholung Folgendes: ihr Hund wird zunehmend weniger ängstlich reagieren, bis er Sie irgendwann beim Anblick des früher so gefürchteten schwarzen Hundes erwartungsvoll anblicken wird, weil er auf sein Leckerli wartet. Man spricht hierbei von Gegenkonditionierung, die auf der von Pavlov beschriebenen klassischen Konditionierung beruht. Und dieser Effekt scheint den Effekt der operanten Konditionierung zu überlagen.

Weshalb das Verhalten des Menschen dennoch einen verstärkenden Einfluss auf das Angstverhalten seines Tieres haben kann, liegt in zwei anderen Faktoren begründet.

Zum Einen bedeutet ein vom Menschen ausgehender Körperkontakt, z. B. in den Arm nehmen, streicheln, festhalten, etc. immer eine Einschränkung des Bewegungsspielraumes des Hundes. Möchte sich der Hund lieber zitternd in einer Ecke verkriechen und dort abwarten, bis der Spuk vorbei ist, und dieser Rückzug wird vom Menschen nicht toleriert, verstärkt dies die Missempfindungen in dieser Situation.
Sucht der Hund jedoch aktiv die Nähe zu seinem Menschen, drückt sich heran oder versucht den Kopf „zu vergraben“, ist es völlig in Ordnung, den Hund dann gewähren zu lassen, ihn zu streicheln oder mit ihm zu reden.
Beobachten Sie Ihren Hund gut und finden Sie heraus, was Ihrem Hund hilft. So unterschiedlich wie wir Menschen mit schwierigen Situationen umgehen, so unterschiedlich sind auch unsere Tiere.

Der zweite Aspekt ist dem zuzuschreiben, was man gemeinhin Stimmungsübertragung nennt. In jüngerer Zeit hat eine Entdeckung etwas wissenschaftlich salonfähig gemacht, was bislang im zwischenmenschlichen Kontext eher esoterisch anmutete: man darf nun von Schwingungen und Resonanz sprechen. Die Forschung hierzu steckt noch in den Kinderschuhen, aber die Vermutung liegt nahe, dass die Spiegelneurone auch artübergreifend eine nicht zu unterschätzende Rolle in der intuitiven Kommunikation spielen.
Die Effekte kennt jeder aus dem eigenen Erleben: in der Gegenwart mancher Personen fühlt man sich einfach wohl, bei anderen unwohl, man erwidert plötzlich ohne den Grund zu kennen ein Lächeln oder lässt sich vom hektischem Verhalten seines Gegenübers anstecken.

In gleichem Maße kann man es bei Menschen und ihren Hunden beobachten. Ist der Mensch ruhig und verhält er sich ruhig, so hat dies auch einen beruhigenden Effekt auf seinen Hund.
Im umgekehrten Fall gilt dies ebenso: weiß der Mensch vielleicht schon, dass sein Hund gleich ängstlich reagieren wird und antizipiert diese Angst schon, verändert sich sein Verhalten und seine (auch nonverbale) Kommunikation wirkt tatsächlich verstärkend auf die Angst des Hundes.

Abschließend kann man also sagen, wenn Ihrem Hund Zuwendung in welcher Form auch immer in einer Angstsituation hilft, dann trösten Sie Ihn ruhig.

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Eine Antwort auf Positive Verstärkung von Angstverhalten?

  1. Christiane sagt:

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